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re: Europawahl

Ihr Lieben, 

Heute lese ich in meinen Nachrichten bei instagram von zwei Personen die mir folgen, ich solle mal nicht übertreiben. “Eine Demokratie muss das aushalten”, schreibt der eine. Der andere schreibt, ich solle nicht den Fehler machen zu glauben, alle AfD Wähler seien Nazis, das wäre eine Vereinfachung und Populismus. “Und überhaupt, wo ist deine Toleranz, John? Wenn du wirklich Demokrat bist, dann musst du das doch akzeptieren.”

Mich macht das sprachlos. Wirklich. Und das passiert selten genug, fragt Leute, die mich näher kennen. Aber ich sehe die Wahlergebnisse, ich sehe, was in Frankreich passiert, in Italien, in Österreich und in Deutschland und ich würde so gerne verstehen, warum Menschen so wählen, wie sie wählen. Wirklich verstehen. Weil ich glaube, wenn man es verstehen könnte, dann hätte man einen Ansatz um darauf angemessen zu reagieren. Ich weigere mich zu glauben, dass wir hier in Deutschland 16% Menschen haben, die ernsthaft in der AfD die Zukunft sehen. Die ernsthaft in einem Land leben möchten, so wie es sich die AfD vorstellt. Und doch wählen sie so und ich bleibe einfach sprachlos. Und klar, ich bin Demokrat und akzeptiere das Wahlergebnis. Aber ich kann und will nicht akzeptieren, was gerade in Europa passiert, was hier in meinem Land hier passiert. 

Und die Frage ob alle AfD Wähler Nazis sind oder ob die AfD eine Nazipartei ist, das ist am Ende doch die falsche Frage. Vielleicht bin ich kein waschechter Nazi oder kein waschechter Faschist, wenn ich die AfD wähle. Vielleicht bin ich wirklich nur frustriert, desillusioniert. Vielleicht fühle ich mich wirklich nur abgehängt. Aber ich bin dann eben auch geschichtsvergessen und ignorant genug, dass ich mit meiner Stimme stramme Nazis direkt unterstütze und im Ergebnis macht es dann halt keinen Unterschied mehr ob ich rechtsradikal denke oder “nur” rechtsradikal wähle. 

Ich will ehrlich mit euch sein, mir macht das alles Angst. Und nicht nur die AfD selbst, dieses selbstgefällige Suhlen in der Opferrolle. Diese selbstgerechten Interviews und dieses Scheinheiligtum. Mir macht Angst, wie viele Politiker, vor allem aus Unionskreisen, noch immer nicht verstanden haben, dass sie mit ihrer Taktik nur weiter Öl ins Feuer gießen. Markus Söder, der keine Gelegenheit ausnutzt um polemisch gegen die Regierung zu hetzen. Um sich wie ein Sonnenkönig zu inszenieren und süffisant das Spiel der Rechten mitzuspielen. Friedrich Merz, der gezielt immer wieder mit Ängsten und Mißverständlichkeiten spielt und dabei Zwietracht säht, nur um ein kleines bißchen mehr Macht abzubekommen. Und beiden würde ich nicht unterstellen wollen jenseits des Konservativismus stramm rechts zu sein, natürlich nicht. Ich sage ja auch gar nicht, dass man die aktuelle Regierung nicht kritisieren darf oder sollte oder müsste. Das muss eine Demokratie aushalten, aber gezielt rechte Narrative zu bedienen, wider besseren Wissens Fakten zu verdrehen und Ängste zu schüren, als Demokrat, nur um seine eigene Machtgeilheit zu befriedigen… ehrlich, wie könnt ihr schlafen? Und bevor sich jemand aufregt, Söder und Merz sind nur die ersten beiden Beispiele die mir eingefallen sind, die Liste ist lang und offen. 

Es ist gerade wirklich schwer für mich, das alles einzuordnen, die Stimmung, der Rechtsruck und es macht mir wahnsinnige Sorgen. Ich bin ein Kind und ein Bürger Europas. Ideologisch sowieso, aber jeder, der sich die Zahlen anschaut, der sieht, dass die EU, so unperfekt wie sie ist, für uns ein riesiger Zugewinn ist, an Wohlstand, an Freiheit, an Frieden sowieso.

Wenn ihr mich fragt, wie es jetzt weitergeht, dann habe ich eigentlich nur eine Antwort: Damit, dass wir nicht aufgeben. Egal ob Union, FDP, SPD, Grüne, egal bei welcher demokratischen Partei ihr euch am besten aufgehoben fühlt. 

Engagiert euch! Nicht bloß mal auf eine Demo gehen. Tretet Parteien bei, auch wenn ihr mit ihnen nicht 100%ig übereinstimmt. Arbeitet daran mit, aus eurer Partei ein Stück mehr eure politische Heimat zu machen. Und klar, Politik ist meistens langweilig. Aber eben nur so lange, wie sie funktioniert. Aufregend sind dann Abende wie gestern, aber auf die Form der Aufregung will ich verzichten! 

Informiert euch. Bildung ist noch immer das beste Mittel gegen Faschismus. Habt erst Argumente und dann eine Meinung, nicht umgekehrt. Geht fair miteinander um und bleibt anständig. Übt Kritik und streitet, aber bleibt sachlich. Wir sind politische Gegner, ja, aber wir sind niemals Feinde. 

Hört niemals auf, miteinander zu reden. Wenn wir die Kommunikationskanäle schließen, weil wir denken, dass man “mit denen eh nicht reden kann” oder das “die eh verloren sind für den Diskurs”, dann verlieren wir alle.  

Achja, und Hamburg: Danke! Die Kommunalergebnisse hier geben mir doch ein kleines bißchen Zutrauen zurück … auch wenn es grade nur in diese Stadt ist! 

Machts gut, ihr Lieben!

Brussels 2017