
Glen,
es ist keine elf Wochen her, da standest du im Hamburger Stadtpark auf der Bühne. Du hast mit den Vögeln gesungen. Du hast, als es zu regnen begann, die Security überredet, so viele Menschen wie möglich auf die Bühne zu lassen damit sie trocken bleiben, hast mit deiner Energie von Himmel und Hölle erzählt und hast vor unser aller Augen Schiffe über Berge gezogen. Wie jedes Mal wenn ich dich sehen durfte war ich ab einem gewissen Punkt überwältigt. Und wie jedes Mel wenn ich dich sehen durfte habe ich mit dem Entschluss dein Konzert verlassen, mehr im Moment zu leben, mehr zu genießen, dankbarer zu sein für mein eigenes Leben. Wie jedes Mal wenn ich dich sehen durfte war ich beim Verlassen des Konzerts ein glücklicherer und besserer Mensch als noch beim Einlass.

Gestern kam die Nachricht von deinem Tod und plötzlich war da nur Stille und Taubheit. Irgendwer hat einmal gesagt, dass die wirklichen Probleme, die wirklich schlimmen Nachrichten sich nicht ankündigen, sondern einen einfach an einem unscheinbaren Nachmittag aus dem Alltag reißen. Wie wahr das ist. Ich bin sprachlos, Glen. Ich bin unendlich traurig. Du, den ich nicht persönlich kannte, den ich nie persönlich getroffen oder gesprochen habe, du hinterlässt eine Lücke in meinem Leben, die für mich kaum greifbar ist.
Ich will ehrlich sein, Glen, es fühlt sich komisch an, das so zu schreiben. Manch einer wird fragen, wie man einen Menschen vermissen kann, den man nicht kannte. Tja, wie erklärt man das? Vielleicht damit, dass Musik für mich überlebenswichtig ist, ein integraler Bestandteil meiner Existenz. Ich kann auf vieles verzichten, aber nicht auf Musik. Musik ist mein Wegweiser, mein moralischer Kompass, mein emotionaler Anker und die wenigen Künstler*innen die es schaffen, durch meinen zynischen Schutzpanzer hindurch zu stechen, die wenigen, die Spuren hinterlassen, begleiten und beeinflussen mich im besten Sinne so wie es beste Freunde tun, so, wie es die eigene Familie tut. Sie spenden Trost, Hoffnung, sind durch ihr Werk Teil der schönsten und schlimmsten Stunden meines Lebens. Viele sind das nicht, aber wie viele beste Freunde hat man eben im Leben? Tom Petty war es, Roger Willemsen war es, auch wenn er kein Musiker war, Bob Dylan ist es, Billy Joel, Reinhard Mey und vielleicht noch Bruce Springsteen. Und du Glen, du standest zweifelsfrei vor allen anderen. Vielleicht auch deswegen, weil ich dich erst mit Mitte 20 kennengelernt habe, zu einer Zeit, in der wir neue Musik nicht mehr mit der Naivität und Filterlosigkeit der Teenager- und Kinderjahre wahrnehmen, sondern wo unser Weltbild schon gefestigter ist und wir neue Einflüssen nicht mehr ganz so nackt und unreflektiert an uns heranlassen. Kurz, zu einer Zeit, an der unser Panzer intakt und Emotionalität schon häufig gefiltert ist, hast du es mit deiner Musik, mit deiner Weisheit, mit deinem Enthusiasmus und einer Energie geschafft, mich zu inspirieren und zu berühren. Direkt und kompromisslos.
Wo fange ich also an, Glen? 2008 bei einer Ex-Freundin vielleicht, die mit ihrem Bruder zusammen auf einer Hausparty Falling Slowly singt und darauf besteht, dass ich mir Once anschaue? Dabei, dass wir, als der Abspann läuft uns beide ansehen und unausgesprochen wissen, dass wir den Film sofort mindestens einmal noch schauen wollen, weil er das Gefühl vermittelt, dass in dieser sterilen Welt einiges doch echt ist. Weil wir uns in dem Gefühl verlieren, dass es Liebe gibt, dass allen Widrigkeiten zum Trotz da draußen das Glück liegt und nur darauf wartet gesehen und gefunden zu werden. Oder fange ich Jahre später an einem Novemberabend in Brüssel an, als ich dich aus der Ferne am Bühnenausgang habe nach einer dreistündigen Show für eine Handvoll wartende Fans spielen sehen, nur weil einer im Scherz sagte, du habest seinen Lieblingssong beim Konzert nicht gespielt. Ich weiß noch, dass mein einziger Gedanke war, dass es so unendlich gut tut zu sehen, dass es dir nur um die Musik geht. Dass du vor drei Menschen mit der gleichen Energie spielst wie vor 30,000. Dass es kein Job ist, sondern eine Berufung. Oder fange ich kurz vor dem Ende an. Bei diesem kurzen Video das kursiert und das so reißerisch untertitelt ist mit “Glen Hansards last live performance.” Man sieht dich in einem Pub irgendwo bei Dublin auf einem Stuhl sitzen, eine Gitarre auf dem Schoß. Du spielst für dich, einige Menschen singen mit dir, andere beachten dich nicht, trinken ihr Guiness, leben ihr Leben und du bist versunken in der Musik. Der Inbegriff des Troubadours. Wie in Brüssel. Eine Berufung. Musiker, kein Star.
Ach, eigentlich ist es egal wo ich anfange, Glen, denn jeder Startpunkt führt mich ans gleiche Ende. Es geht um Echtheit. Um Nahbarkeit. Es geht um Ehrlichkeit. Am Ende spüre ich unendliche Dankbarkeit für alles, was du gegeben hast, für die Großzügigkeit deine Gabe zu teilen. Und gleichzeitig ist da die Ungläubigkeit, die Unfähigkeit zu begreifen, was passiert ist. Es ist eine nicht greifbare Trauer die mich wie ein undurchdringlicher Nebel einhüllt und mir die Orientierung verweigert.
Im Internet lese ich, dass Menschen den gestrigen Abend damit verbracht haben, deine Musik zu hören. Ich habe es versucht und muss dir gestehen, ich konnte es nicht. Nur ein Song, der eine, der immer hilft wenn es schwer wird, There’s No Mountain. „Night has fallen, let’s go out into it, bring a blanket and a bottle, I need a friend to get me through this. And lately in this life, there’s no quick fix or easy answers, we’re gonna put all our troubles to right.” Ja, es ist dunkel geworden, Glen, und wir können nicht anders als die Dunkelheit anzunehmen. Als rauszugehen und sie zu umarmen. Leicht wird es nicht werden und es wird lange dauern, denn du warst einer der Freunde, die uns durch die tiefsten Täler begleitet, die uns aufgerichtet und Perspektive gegeben haben. Der letzte Trost ist, dass und deine Musik, dass dein Werk bleibt.
Ich hätte an dieser Stelle natürlich über deine Fähigkeiten als Songwriter schreiben können, über dein unvergleichliches Talent, über den Gewinn des Oscars, darüber, dass Eddie Vedder, Bono und Springsteen zu deinen Bewunderern gezählt haben, darüber, dass du dich uneitel in den Dienst jener gestellt hast, die im Leben weniger Glück hatten, dass du dich für Obdachlose eingesetzt hast, aber in diesem Moment wollte ich lieber darüber schreiben, was du mir durch deine Songs vorgelebt hast. Denn immer wenn ich an mir zweifle, an meiner Kunst, an meinem Erfolg, an meinen Entscheidungen oder gar an meinem Leben. Immer wenn ich fürchte, nicht zu genügen, wenn Trennung und Verlust, Unglück und schwere Wetter mir die Luft zum atmen abzuschneiden drohten warst du mir in den letzten Jahren indirekter Ratgeber, du warst mir Zuversicht, Hoffnung und kreativer Nordstern. Und das, das wird sich niemals ändern.
Im Oktober werde ich mit meinem besten Freund in Galway sein. Letzte Woche erst haben wir ganz euphorisch Tickets gekauft um dich dort spielen zu sehen und gestern Abend haben wir spontan beschlossen an jenem Abend auf dich zu trinken. Vielleicht werde ich in irgendeinem Pub einen deiner Songs anstimmen, vielleicht werden wir kurz weinen, wenn wir innehalten und an dich denken. Ganz sicher aber wirst du da sein. In diesem Moment, zwischen uns. Wir müssen nur dran glauben.
Your heart′s in wide receiving / Been too long buried in the sand / Some things require leaving / This gift will fall right in your hand / Just try to understand… / If you long enough / And you don’t give up / If you′re strong enough./ And you don’t give up / And you’ll be no harbor to the sorrow / Just let it go.
In einem Interview hast du einmal gesagt, dass alles im Leben eine Lektion sei. Everything in life is a lesson. Als Songwriter, als Musiker, als Mensch werde ich versuchen, das zu beherzigen. Welche Lektion lerne ich aus deinem Vorbild? Vielleicht die eines ostfriesischen Sprichworts: Rüm hart, klaar Kiming. Großes Herz, weiter Horizont. Ich werde mir Mühe geben.
Da draußen sind jene, denen du deutlich näher warst als mir, Glen. Deine wirklich engen Freunde, deine Familie, deine Frau und dein kleiner Sohn, der ohne dich aufwachsen und dennoch von Menschen umgeben sein wird, die ihm erzählen, was für ein großartiger Mensch sein Vater war. All jenen gilt selbstverständlich unser Trost, unsere Anteilnahme. Ich mag mir kaum vorstellen, wie es ihnen geht und wünsche mir nichts sehnlicher, als dass sie Trost finden in unserer Anteilnahme, nicht gleich, aber zu Zeiten. Wir hier, im entfernteren Zirkel deiner Existenz, wir lassen dich gehen Glen, mit schwerstem Herzen und gleichzeitig erfüllt mit Dankbarkeit für alles, was du uns gegeben hast. Wir werden dich feiern solange wir können.
Take this sinking boat and point it home, we still got time.
Danke für alles!
– John
30.07.2026
